IGS Kastellaun

40 Jahre IGS

Ein runder Geburtstag für unsere Schule!

Frau Hampel begrüßt die Gäste der 40-Jahresfeier

Liebe Schulgemeinschaft, liebe Eltern, liebe Leserinnen und Leser,

 

40 Jahre IGS Kastellaun.

Unsere Schule feiert einen "runden" Geburtstag.

Nun, ich kann mir vorstellen, dass einige von euch und Ihnen vielleicht denken, dass 40 Jahre doch gar nicht so alt für eine Schule und deshalb doch auch kein so wichtiges und feierwürdiges Ereignis ist.

Dazu müsst ihr / und müssen Sie aber einiges wissen:

Als Regelschule entstanden IGSen in Rheinland-Pfalz 1993. Wenn man nachrechnet, sind das nur 22 Jahre. Wie kann es dann sein, dass unsere Schule 18 Jahre älter ist?

In RLP gibt es IGSen als sogenannten „Schulversuch“ seit dem Schlj.1973/74. Wir gehören mit unserer Geburtsstunde 1975 zur zweitältesten IGS in unserem Bundesland und das ist dann schon etwas Besonderes.

 

Ich meine, dass speziell unsere Schule es auch aus anderen Gründen verdient hat, dieses Jahr in unseren Köpfen im Mittelpunkt zu stehen.

Dazu muss ich einen kurzen Abstecher in unsere Schulgeschichte machen:

"Es war ganz schön was los an der Schule". Diese Worte mögen bei manchem Ehemaligen ein zustimmendes  intensives Kopfnicken hervorrufen, wenn sie oder er an unsere Anfänge zurück denkt:

Unsere Geburtsstunde war 1975. Was war bei uns von Beginn an besonders?

Wir galten als Versuch, eine IGS auf dem platten Land zu installieren. Bisher hatte es eine IGS in Rheinland-Pfalz nur in großen Städten gegeben wie in Mainz, Ludwigshafen und Kaiserslautern. Wir unterschieden uns von Anfang an von diesen Stadtschulen: Unsere Schülerpopulation war durch den Pflichtschulcharakter eine andere als in den Städten: Hoher Hauptschulanteil, geringe Zahl sehr gut begabter Kinder.

Außerdem:  Alle Beteiligten waren noch nicht auf diese neue Schulform vorbereitet, die mit 8 Klassen und 276 Schülerinnen und Schülern in der 5. Klasse startete!

 

Für die Lehrerschaft begann das Ringen um die pädagogischen und fachlichen Herausforderungen. Was war der richtige Weg bei Differenzierungen, Förderangeboten, Neigungen der Schülerinnen und Schüler, Leistungsbeurteilung angesichts verschiedener Schülerbegabungen?

Und dann war da noch der Kampf um die Oberstufe! Zu einer voll akzeptierten IGS gehört natürlich die Möglichkeit, das Abitur zu absolvieren. Nur so konnten wir die Elternschaft überzeugen, ihre gut begabten Kinder zu uns zu schicken statt zum Gymnasium.  

Dieses Unterfangen gestaltete sich jedoch als äußerst schwierig, weil wir auf große Widerstände seitens der Politik stießen. Es begann ein Hin- und Her- Lavieren von Versprechungen, Hinhaltetaktik und schließlich 1981 der offiziellen Ablehnung der Oberstufe.

Was aber aus dieser Ablehnung erwuchs, damit hatte wohl niemand gerechnet: Es kam mit der großen Unterstützung durch die Eltern zu einem einwöchigen Schulstreik, der in den Medien für fette Schlagzeilen sorgte. Ergebnis: 1992 kam die Oberstufe doch nach Kastellaun!!

Viele weitere Details können Sie in den folgenden Artikeln zu unserer Schulgeschichte genauer nachlesen, bis die IGS das wurde, was sie heute ist: Eine in unserer Region äußerst beliebte und angesehene Schule. Hier nur einige Schlagworte bis zum Ist-Stand 2015: Leistungsbezogene Kurse, teilweise auf 3 Niveaus, Einführung der Fächer Offenes Lernen und Darstellendes Spiel, Schwerpunktklassenmodell, Abschaffung des Schwerpunktes Arbeitslehre/Wirtschaft, Förderung von kulturellen Events, Musik und Theater, sportliche Erfolge bis zu Entscheiden nach Berlin, Schule ohne Rassismus,  großer Wahlpflichtfachbereich, viele tolle AGs, exzellente PC-Ausstattung, Schall gedämmte, moderne Räume und vieles mehr!

Wir haben uns unseren guten Ruf hart erarbeitet und erstritten. Und diese Arbeit für unsere Schülerinnen und Schüler hat sich gelohnt. Bestes Zeugnis dafür geben die vielen Menschen ab, die diese Schule gerne besuchen, besucht und erfolgreich abgeschlossen haben. Ich denke, darauf können wir alle sehr stolz sein und das sind viele gute Gründe zum Feiern!

 

Herzlichst Ihre und eure


Bettina Hampel

(Direktorstellvertreterin)

 

 

40 Jahre IGS Kastellaun

Ein (Rück)blick auf eine etwas andere Schule

Die IGS Kastellaun feiert dieses Jahr ihr 40 jähriges Bestehen und das einzig Konstante scheint der ständige Wandel zu sein, mit dem die Schule sich immer erneut an die Gegebenheiten vor Ort anpasst hat, um immer das zu sein, was sie sich vorgenommen hat – eine gute Schule für alle Kinder der Region. Und ganz oft ist die IGS dabei ganz eigene Wege gegangen.

Schon 1975, als der erste Jahrgang Fünftklässler die IGS besuchte und damit die Haupt- und Realschule ablöste, war die IGS Kastellaun etwas ganz Außergewöhnliches, gab es doch bis dahin nur eine weitere IGS in ganz Rheinland-Pfalz. Neun Jahre später waren es immer noch erst vier Schulen dieses Typs. Da die IGS aber gleichzeitig auch Pflichthauptschule blieb, wurde sogar ein eigenes Gesetz nötig, die Lex Kastellaun, das der IGS Kastellaun Sonderrechte bezüglich der Größe und eine eigene Struktur, die sogenannten Profilklassen, einräumte.

1981 kämpften n einer vielbeachteten Streikaktion Eltern, Lehrer und Schüler gemeinsam für eine Oberstufe ihrer IGS, um endlich auch direkt vor Ort Abitur machen zu können. Dass die Eltern vor Ort sich bis heute nicht scheuen Druck auf die Politik auszuüben, zeigt der Kampf um die „verstoßenen“ Schüler, mit dem Eltern eine weitere Klasse entgegen der 2011 nach Wegfall der Hauptschule festgelegten 6-Zügigkeit durchgesetzt haben. Auch im Alltag zeigt sich das Engagement der Elternschaft in der Art und Weise, wie Eltern in allen Schulgremien mitarbeiten.

Trotz des Streiks für die Oberstufe 1981 wurde diese erst mit dem Regierungswechsel 1991 von Kultusministerin Rose Götte zugesichert und 1992 eingerichtet. Seitdem kann sich die Oberstufe der IGS mit ihrem breiten Fächerangebot sehen lassen: Es gibt Leistungskurse auch in Bildender Kunst, Sport, Latein und Französisch und in allen Naturwissenschaften, zudem Latein und Französisch als Anfängersprachen und Spanisch als dritte Fremdsprache.

Am Ende der 90er wurde die IGS Kastellaun mit fast 1500 Schülerinnen und Schülern zur größten Schule im Norden Rheinland-Pfalz’, heute sind wir mit über 1300 immer noch die zweitgrößte IGS.

Ein ganz eigener Weg der IGS, nämlich die große Schule in zwei Untereinheiten mit unterschiedlichen Schwerpunkten zu teilen, also die sogenannte IGS II zu gründen, wurde nach zwei erfolgreichen Jahren 1997 vom Ministerium gestoppt.

Mit der Vergrößerung der Schülerzahlen wuchs die Schule auch baulich. 2001 kam der Bauteil J als letztes hinzu. Die Verbandsgemeinde ließ sich ihre Schule immer etwas kosten, sodass wir heute über ein weitläufiges Schulgelände verfügen mit großzügigen hellen Gebäuden, mit Höfen und Innenhöfen, weit entfernt vom Kasernenstil anderer Schulen.

Diese Gebäudekomplexe konnten so auch großartig den räumlichen Hintergrund für das Mitte der 90er Jahre eingeführte Teammodell der IGS bilden, in dem den Schülern mit jahrgangsbezogenen Heimatbereichen und einem festen dort unterrichtenden Lehrerstamm in der großen Schule Bezugs- und Orientierungspunkte gegeben wurden. Begonnen wurde in der Orientierungsstufe, doch ist bis heute die gesamte Schule in Doppeljahrgangsteams gegliedert.

Anfang der 2000er ging die IGS Kastellaun wieder einen ganz eigenen Weg, man entwickelte das Schwerpunktklassenmodell, das noch mehr die Vorlieben, Stärken und Schwächen der Schüler und Schülerinnen in den Mittelpunkt stellt, damit der bestmögliche Abschluss für jeden erreicht werden kann. Das große Angebot an Wahlpflichtfächern, nämlich Latein, Französisch, Wirtschaft, Ökologie und Naturwissenschaften, Darstellendes Spiel, Sport, Hauswirtschaft und Sozialwesen und Techniklehre und informatorische Grundbildung trägt dabei ganz verschiedenen Interessen und Begabungen Rechnung.

In den letzten 15 Jahren hat sich im Bereich „Kreativität“ ein ganz besonderer Schwerpunkt herausgebildet: Theaterabende, Kulturnächte, Musicals, Schulkonzerte, Kulturpause und erfolgreiche Teilnahme an Kunst-, Film- und Musikwettbewerben finden in regelmäßigen Abständen, zumeist jährlich, statt.

Sehr erfolgreich sind aber auch unsere Handballerinnen, Leichtathleten und Schachspieler.

Als im ersten Jahrzehnt des Jahrtausends Amokläufe in Schulen die Welt erschütterten, gründete sich die „Wertegruppe“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, wertschätzenden Umgang an der IGS zu fördern. Seit dem versucht diese Gruppe mit verschiedenen Aktionen das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und „Werteerziehung“ anzuregen, wie zum Beispiel mit der Verabschiedung eines Schulethos. Zuletzt förderte die Gruppe den Beitritt der Schule zum Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage.“ Solche Ziele sind hochgesteckt und nicht im Handumdrehen zu erreichen, aber die IGS hat sich auf den Weg gemacht. Im Präventivbereich wird die Arbeit unterstützt durch die „Medienscout-AG“ und die Jugendmedienschützer.

Wieder haben sich die Bedürfnisse von Kindern und Eltern geändert, Bildungs- und Lebenswege sind noch vielfältiger geworden, Schulen fällt eine noch größere Verantwortung zu, Kindern das Rüstzeug fürs Leben mitzugeben: Unsere jüngsten Antworten sind eine enge Zusammenarbeit mit Patenfirmen als Teil eines breit angelegten Berufsorientierungsprogramms (von Klasse 7 bis MSS), das neuentwickelte Fach „Fit fürs Leben“ und  die Etablierung einer systematischen Schullaufbahnberatung ab dem Schuljahr 2015/16.

Dass viele unserer Anstrengungen auch tatsächlich erfolgreich sind, hat uns die AQS in diesem Jahr bestätigt. Dieses Institut, das Schulqualität überprüft, hat insbesondere unser lernförderliches Schulklima hervorgehoben.

Aber die IGS Kastellaun wäre nicht sie selbst, gäbe es nicht schon wieder eine neue Arbeitsgruppe aus Lehrer, Eltern und Schülern, die sich mit neuen Formen individuellen und selbstverantwortlichen Lernens beschäftigt, um sie in Zukunft an der IGS zu etablieren und den bisherigen ganzheitlichen Ansatz weiter auszubauen.

Wahrscheinlich wird es wieder ein ganz individuelles pädagogisches Konzept sein, das da entwickelt wird, wahrscheinlich werden wieder Bürokraten in Mainz überzeugt werden müssen, aber bestimmt wird es wieder ein Weg sein, mit dem den Gegebenheiten unserer Region Rechnung getragen und allen Kindern die bestmögliche Schule vor Ort geboten werden kann, auch und gerade in Konkurrenz zu anderen Schulen.

Claudia Schultze

Didaktische Koordinatorin

 

40 Jahre IGS – ein Streifzug durch die bewegte Geschichte einer jungen Schule

Zwischen dem Start 1975 in den alten Gebäuden der ehemaligen Hauptschule in der Alb.- Schweitzer-Straße, der Realschule („Turm“) sowie dem „roten Fensterbau“ als damals neuem Gebäude und der ausgebauten IGS von heute liegen erst 40 Jahre – nicht viel für eine Schule als Institution. Aber in diesen 40 Jahren gab es ungewöhnlich viele Herausforderungen und sogar aufregende Momente, wie sie es an etlichen selbst sehr alten Schulen niemals gegeben hat.

Aufbruch
Meine erste Begegnung mit der IGS war das Sommerfest 1978, zu dem ich als „Neuer“ eingeladen war, der nach den Sommerferien hier unterrichten sollte. Schon im bunten Treiben dieses Festes spürte ich eine Menge Energie und eine große Aufbruchstimmung. Aber natürlich gab es auch Skepsis.
Gesamtschulen als Orte des gemeinsamen Lernens aller Schüler in einer Schule gab es damals nur im „roten“ NRW. Vielen gesellschaftlichen und politischen Gruppen galt diese Schulform als Angriff auf das bewährte, gegliederte Schulsystem und das Leistungsprinzip schlechthin. Auch unsere IGS stand anfangs in einem Spannungsverhältnis zwischen Aversion und Aufbruch. Aber aus dem Zusammenwirken von vielen alten und neuen Lehrkräften, die in einem „Schulversuch Gesamtschule“ eine neue Schule aufbauen sollten, entwickelte sich rasch ein besonderer Elan, ja sogar Pioniergeist. Schließlich kommt es ja nicht so oft vor, dass Lehrer die Chance bekommen, ihre Ideen und ihr Engagement in den Aufbau einer Schule einzubringen, so dass Struktur und Charakter der Schule wesentlich von ihnen selbst abhängen würden.
Die Elternschaft zeigte von Anfang an großes Vertrauen in die neue Schule. Bis zu acht Klassen in einer Stufe waren normal, in einem Jahrgang ging es sogar bis zur Klasse 9i. Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternvertretern gestaltete sich sehr vertrauensvoll und es entstand ein fruchtbares Miteinander.
So entwickelten sich die ersten Jahrgänge erfolgreich dem 10er-Abschluss entgegen und es war allen Beteiligten klar, dass es keinen Sinn macht, einen Teil der Schüler für die Oberstufe zu qualifizieren, sie aber nach Klasse 10 wegzuschicken, wie es der Schulversuch vorsah. Eine IGS ohne MSS konnte niemand wollen und auch im zuständigen Ministerium in Mainz hatte man das – nicht zuletzt durch den intensiven Nachhilfeunterricht seitens der OfK - endlich verstanden. Also schickte Kultusministerin Laurien Herrn Höhle als neuen Schulleiter nach Kastellaun, um eine Oberstufe aufzubauen. Aber sie wurde gründlich sabotiert. (Die Details schildert Armin Müller in seinem Beitrag „Der Kampf um die Oberstufe“.)

Frustration und Ungewissheit
Die unmittelbaren Folgen der Verweigerung waren schlimm für uns. Da die besser begabten Kinder jetzt nahezu vollzählig gleich nach Simmern geschickt wurden, konnte unsere Schule natürlich keine Gesamtschule sein. Viele Gymnasiallehrer verließen frustriert die Schule und nach dem Abgang von Schulleiter Höhle sah es so aus, als hätte die IGS in Kastellaun keine positive Zukunft.
Aber es gingen nicht alle. Viele Lehrer aller Schularten fühlten sich trotz der widrigen Umstände weiter der Gesamtschulidee verpflichtet und wir unterrichteten unverdrossen und engagiert die uns anvertrauten Schüler, um sie fit für den Beruf oder für das Abitur anderswo zu machen.
Auch das Schulleben pulsierte weiter. In Konferenzen wurde lebhaft diskutiert, und da es immer wieder eine Zeit ohne Schulleiter gab, lernte das Kollegium ganz selbstverständlich selbst Verantwortung zu übernehmen und auch Probleme zu lösen, die in Mainz liegen blieben. Das Fach Gesellschaftslehre z.B. stand zwar mit vielen Stunden im Stundenplan der Klassen 5 – 8, aber es gab weder dafür ausgebildete Lehrer noch einen Lehrplan noch Unterrichtsbücher für dieses Fach. Also setzten sich die Geschichts-, Erdkunde- und Sozialkundelehrer aller Schularten zusammen und erarbeiteten in vielen Stunden mit viel Herzblut die erforderlichen Unterrichtsmaterialien. Das kostete zwar Freizeit, stärkte jedoch das Gemeinschaftsgefühl und brachte die befriedigende Gewissheit, etwas Gutes für die Schüler zu leisten.
Auch das jährliche Sommerfest wurde weiterhin als Höhepunkt des Schullebens mit vielen Besuchern wie ein kleines Volksfest gefeiert. Da gab es nicht nur Stände der Klassen, Musik von Schülern und Lehrern, sondern - heute kaum noch vorstellbar – auch einen Bierbrunnen (an dem auch gepafft wurde). Es zeigte sich, dass der Kampf um die Oberstufe zwar ohne Erfolg, aber nicht folgenlos geblieben war. Durch die gemeinsamen Aktionen, das Zusammenstehen und auch die gemeinsame Niederlage war ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Eltern, Lehrern und Schülern entstanden, wie es im Schulalltag niemals hätte entstehen können. Selbst heute ist dieser besondere Geist als Mythos der Schule noch oft spürbar.

Euphorie
1991 kam es durch den Sieg der SPD bei der Landtagswahl unverhofft zur Wende. Meine Freude war so groß, dass ich am Wahlabend hupend durch Kastellaun fuhr, denn ich war mir sicher, dass wir jetzt unsere Oberstufe bekommen würden. Alle, die sich mit mir auf dieses Ereignis gefreut hatten, waren euphorisch. Der Start der MSS 1992 gab unserer Schule einen enormen Schub. Jetzt gingen nicht nur 60 Schüler erstmals in unsere Oberstufe, sondern gleichzeitig wechselten zahlreiche Schüler aus Klasse 6 – 8 von anderen Schulen zu uns. In Klasse 5 wurden viel mehr Schüler angemeldet, als wir Platz hatten. Also wurde nach den umfangreichen Anbauten für die MSS nochmals angebaut und bis 2001 wurden jährlich acht oder sogar neun Klassen aufgenommen. Mit dem „Team-Modell“ wurde zunächst in der Orientierungsstufe ein bis heute erfolgreiches neues pädagogisches Konzept umgesetzt. Die Lehrer lernten dabei, sich in einem Team zu organisieren, in ihrer Stufe eng zusammenzuarbeiten und relativ autonom zu agieren. Parallel dazu wurde für die Schüler die Schule in kleine Einheiten aufgeteilt, die „Heimatbereiche“.

Ernüchterung und Konsolidierung
Aber es zeigte sich, dass unsere IGS nicht auf Dauer die besondere Last tragen konnte, die ihr aufgrund der sog. Lex Kastellaun aufgebürdet war. Während anderswo in Rheinland-Pfalz die Gesamtschulen maximal sechs (die neuen sogar nur vier) Klassen aufnehmen und unter den angemeldeten Kindern so auswählen können, dass alle Begabungen verteilt sind und das Potential für ihre Oberstufe geschaffen ist, mussten wir per „IGS-VO“ bis 2010 immer alle „Hauptschüler“ der Verbandsgemeinde Kastellaun aufnehmen. Um dennoch das notwendige Begabungsprofil für eine erfolgreiche MSS zu schaffen, musste unsere IGS Jahr für Jahr mehr als 6 Klassen aufnehmen. Das war aufgrund der großen Beliebtheit zwar leicht, aber der Preis war eine außergewöhnlich große Schule mit einem äußerst breiten Begabungsspektrum in der Schülerschaft. Diese Umstände wurden zunehmend als Problem empfunden, das wieder eine grundlegende Veränderung erforderlich machte. Es wurden verschiedene Teilungsmodelle diskutiert und schließlich eine IGS 2 ausgelagert. Diese Zweiteilung wurde nach wenigen Jahren aber wieder aufgegeben und es wurde nach anderen Lösungen gesucht. Ab 2002 nahm die Schule nur noch 7 Klassen auf, im Schuljahr 2007/08 wurden „Schwerpunktklassen ab Klasse 7“ als neues Konzept der Fachleistungsdifferenzierung eingeführt.

Neue Herausforderungen
Die neue Schulordnung 2009 veränderte die Grundlagen gewaltig. Auch die IGS Kastellaun wurde jetzt auf sechs Klassen beschränkt und befugt, bei der Aufnahme Leistungsgruppen zu bilden und auch einheimische Kinder abzulehnen. Zum Glück konnten bis zum Schuljahr 2011/12 trotzdem noch 7 Klassen aufgenommen und die Ablehnung Kastellauner Kinder vermieden werden. 2012/13 ging das endgültig nicht mehr.
Ganz aktuell hat sich die Situation erneut verändert. Um den Kastellauner Kindern in Klasse 5 so weit wie möglich einen Platz zu garantieren, beachtet die Schule faktisch einen Einzugsbereich. Und der Start von zwei neuen Oberstufen bedeutet weitere Konkurrenz um die kreisweit weniger werdenden Schüler.

An der IGS Kastellaun wurde 40 Jahre lang das Credo verfolgt, alle Schüler bestmöglich zu fördern und zu befähigen, einen möglichst guten Abschluss zu erreichen. Das geschah immer mit Hingabe und manchmal auch auf eigenwilligen Wegen. Das Resultat sind tausende Schüler mit erfolgreichem Abschluss 9 bzw. 10 und 1628 Abiturienten. Mit diesem Credo und stetem Mut zu nötigem Wandel wird diese IGS auch den neuen Herausforderungen erfolgreich begegnen und ihren guten Ruf bewahren.      Norbert Becker

 

Der Kampf um die Oberstufe

"Beschreib' den Kampf um die Oberstufe, auf zwei Seiten", das ist mein Auftrag, "weil Du von Anfang an dabei warst", so die Begründung. Stimmt nicht ganz, ich kam 1976 hierher, ein Jahr nach der Gründung der IGS.-Im Studium und in der Lehrerausbildung für Gymnasien war das Thema "Integrierte Gesamtschule" ein Tabu. Durch Zufall erfuhr ich von der LehrersteIle in Kastellaun, und ich habe mir diese LehrersteIle in einem komplizierten Tauschverfahren erkämpft: Der' Hunsrück ist meine Heimat, das Projekt IGS faszinierte mich als junger Lehrer.

Obwohl ich unerfahren und naiv war, dämmerte mir recht schnell, dass die IGS Kastellaun ein Politikum ersten Ranges war. Wer es vom Lebensalter kann, versetze sich in die schulpolitische Diskussion der 1970er Jahre. Für die einen, die Konservativen, war der neue Schultyp Gesamtschule direkt der Hölle entsprungen, für die anderen, die Progressiven, war er der Heilsbringer in allen pädagogischen und gesellschaftlichen Fragen. Mit Totschlagargumenten versuchten beide Lager, Volkes Stimme auf ihre Seite zu ziehen. In diese aufgeheizte Stimmung hinein hatte sich das Land Rheinland-Pfalz, damals konservativ regiert (Kohl, Vogel), verpflichtet, drei Gesamtschulen als Versuchsschulen einzurichten: Kaiserslautern, Ludwigshafen und Kastellaun.

Die politische Absicht, die hinter dieser Auswahl steckte, ist im Nachhinein offensichtlich: In den Großstädten mochte eine IGS ja noch funktionieren, auf dem Land möglichst nicht, oder möglichst schlecht. Deshalb sollte die IGS Kastellaun als einzige der drei Gesamtschulen keine eigene Oberstufe haben. "Wir wollen probieren, ob das geht", sagte die damalige Kultusministerin Laurien. Die Frage der Oberstufe blieb aber anfangs in der Schwebe. Mainz hatte den Kommunalpolitikern eine deutliche Verbesserung des Schulangebots in Kastellaun mit gymnasialem Anteil versprochen und die IGS sachlich und personell gut ausgestattet. Und die Eltern trauten den Versprechungen und schickten ihre Kinder in großer Zahl in die neue Schule. Sie war in den Anfangsjahren achtzügig. Als den Eltern aber klar wurde, dass das gymnasiale Angebot in Kastellaun mit der Klasse 10 enden würde, fand eine Abstimmung mit den Füßen statt: Viele Eltern meldeten jetzt ihre Kinder auf dem Gymnasium in Simmern an, das damals das Abiturmonopol auf dem Hunsrück hatte und zäh verteidigte.

Es bedurfte damals nur eines Anstoßes, damit sich die Bürgerinitiative "Oberstufe für Kastellaun" (OfK) gründete, in der sich viele Eltern und Lehrer zusammenfanden. Das war 1979. Den Vorsitz übernahm der Beller Pfarrer Karl-August Dahl. (Er war später als "Raketen-August einer der führenden Köpfe in der Hunsrücker Friedensbewegung und erlangte so bundesweite Bekanntheit.) Die OfK führte politische Gespräche auf allen Ebenen, organisierte große Informationsveranstaltungen, nahm Presse und Fernsehtermine wahr u.v.m. Und die Bemühungen schienen erfolgreich. Der neue Schulleiter Dieter Höhle , der dem plötzlich verstorbenen ersten Schulleiter Olaf Bösebeck folgte, kam mit dem Versprechen der Kultusministerin hierher, an seiner neuen Schule eine Oberstufe einrichten zu können.

Als dann 1981 die Entscheidung aus Mainz kam, dass die Oberstufe nicht käme, war das zunächst ein Schock. Aber dann brach ein Sturm der Entrüstung los, wie ihn der Hunsrück lange zuvor nicht erlebt hatte: Die Eltern beschlossen einen unbefristeten Schulstreik, um so die Oberstufe zu erzwingen. In der Tat kamen in der folgenden Woche im Schnitt nur 70 von 1100 Schülern zur Schule, eine machtvolle Demonstration des Eltern- und Schülerwillens. Die IGS Kastellaun bekam bundesweite Berühmtheit. Der Südwestfunk und das ZDF berichteten (es gab damals nur zwei Fernsehprogramme), außerdem "Der Spiegel", der "Stern", die "FAZ" und die "Stuttgarter Zeitung". Als die Eltern nach einer Woche im Interesse ihrer Kinder den Streik abbrachen, war der Kampf verloren. Was folgte war nur noch ein Nachgeplänkel. selbst, als Kultusministerin Laurien in die Höhle des Löwen kam, um ihre Entscheidung zu verteidigen.

Der Hauptverantwortliche, der einer ganzen Generation Kastellauner Schüler eine bessere Schulausbildung vermasselt hatte, saß in Simmern und schwieg. Es war der dortige CDU-Landtagsabgeordnete, ein gewisser Walter Mallmann, der mit seiner Stimme die hauchdünne CDU-Mehrheit im Landtag zu sprengen drohte, um so das Abiturmonopol des Simmerner Gymnasiums zu retten. Laurien bekannte das freimütig, als sie bald danach aus Mainz flüchtete, um in Berlin das Amt der Schulsenatorin zu übernehmen.

Für die IGS Kastellaun folgte in den 80er Jahren eine Zeit des Niedergangs. Schulleiter Höhle verließ die Schule, viele Gymnasiallehrer ebenfalls, es gab rasche Schulleiterwechsel, vor allem aber wurden viele besser begabte Schüler nicht mehr zur IGS geschickt. So konnte das Differenzierungsmodell, das auf einem möglichst ausgewogenen Anteil aller Begabungsrichtungen angewiesen ist, nicht mehr funktionieren. Das war der zentrale Punkt in der Pädagogik der IGS. Die Schülerzahl halbierte sich im Vergleich zu den Anfangsjahren. Die Fünfzügigkeit konnte zum Teil nur mit Mühe aufrechterhalten werden.

1991 kam die Wende. In Mainz wechselte die Führung der Landesregierung von der CDU zur SPD, und die neue Kultusministerin Rose Götte hatte im Wahlkampf versprochen, die Oberstufe an der IGS Kastellaun einzuführen, und sie setzte dies auch als erstes Wahlkampfversprechen sofort um. Wir sehen, dass die IGS auch im 16. Jahr ihres Bestehens noch ein Politikum ersten Ranges war. Die neue Oberstufe war entgegen der Ansicht ihrer Verhinderer ein Selbstläufer: Sie startete mit 40 Schülern in der Jahrgangsstufe 11, um mit der Zeit auf 140 Schüler anzusteigen. Es wurden auch Schüler aus 10 (!) umliegenden Schulen aufgenommen. Besonders viele Schüler aus dem Raum Kirchberg und dem Raum Emmelshausen legten in Kastellaun ihr Abitur ab. Parallel dazu stiegen auch die Schülerzahlen in der Unter- und Mittelstufe bis hin zur Neunzügigkeit. Zeitweise wurden fast 1500 Schüler hier unterrichtet. Das überstieg personell und räumlich die Kapazität der Schule. Viele Schüler mussten bei der Anmeldung in die Klasse 5 schon abgewiesen werden. Seit dem neuen Schulgesetz von 2011 ist die Zügigkeit auf 6 Klassen begrenzt, so dass zur Zeit 1357 Schüler die IGS besuchen. Die IGS Kastellaun hat in den letzten Jahrzehnten auf vielen Feldern neue pädagogische Wege beschritten und sich so einen hervorragenden Ruf in der Hunsrücker Elternschaft erworben. Das ist in erster Linie das Verdienst eines engagierten Kollegiums. Allen Beteiligten, Eltern, Schülern, Lehrern und auch den Politikern sollte klar sein, dass ohne die Oberstufe sehr vieles nicht so wäre, wie es heute ist. Sie ist nur eine Schulstufe, aber wie beim Schlussstein in einer mittelalterlichen Kathedrale die Voraussetzung dafür, dass das Dach hält, unter dem das bunte Schulleben stattfindet.

In diesem Sinne wünsche ich allen Schülern, Lehrern und Eltern noch viele interessante Jahre.

Armin Müller

 

 

Erinnerungen einer Schülerin des ersten IGS Jahrgangs

Lang ist es her, aber schön war es !!!!

 Ist es wirklich schon 40 Jahre her, seit ich zum ersten Mal die IGS betreten habe? Ja, so ist es und die Veränderungen dieser 40 Jahre sind an der Schule deutlich sichtbar.

 In diesen 40 Jahren ist eine wirklich große Schule daraus geworden.  Es gibt mehrere Schulhöfe und durch zahlreiche An- und Umbauten ist ein riesiger Gebäudekomplex entstanden. Ob es früher besser war, kann ich nicht sagen. Ich denke aber gerne an meine Schulzeit zurück. Unser ehemaliger Schulleiter Herr Becker war damals mein erster Klassenlehrer und genau so neu an der Schule wie ich.

  Ein paar Dinge meiner Schulzeit sind mir noch gut im Gedächtnis geblieben, z.B. hatten wir in der siebten Klasse eine Woche schulfrei, na ja, eigentlich war es kein Schulfrei, wir haben gestreikt für eine Oberstufe an unserer Schule. Sogar Frau Laurin (damalige Kultusministerin von Rheinland-Pfalz) kam am Ende dieser Woche zu einem Besuch. Sie wollte uns erklären, dass zu wenig Geld zur Verfügung stehe, um uns eine Oberstufe zu bauen, aber da hatte sie nicht mit den Schülern und Eltern der IGS gerechnet, die hatten nämlich fleißig gesammelt und ihr schon mal die Anfangsfinanzierung auf den Tisch gekippt. Und tatsächlich. Mit diesem Startkapital bekam die IGS einige Jahre später eine Oberstufe. In der siebten Klasse stand für mich allerdings nicht die Oberstufe, sondern die schulfreie Zeit im Vordergrund.

 Auch hatten wir immer tolle Sommerfeste, jede Klasse hat etwas angeboten oder verkauft. Der Erlös ging, glaube ich, damals in die Klassenkasse, was natürlich ein großer Ansporn für tolle Ideen war. Auf Grund der niedrigeren Hygienevorschriften haben wir in einem Jahr sogar mal Eis verkauft. Ohne Gefriertheke, heute ein Ding der Unmöglichkeit. Ja wir haben sogar mal einen VW-Käfer vom Schrottplatz geholt und für 50 Pfennig konnte man seinen „Lieblingslehrer“ auf eine Tapete malen, mit Kleister auf dem Käfer befestigen und dann 3x mit dem Vorschlaghammer so richtig zuschlagen. Wir hatten einen riesigen Spaß. Die Tapete geriet im Laufe des Tages in Vergessenheit, aber der Käfer war am Ende wirklich schrottreif.

 Die absolute Neuheit, die die IGS damals mit sich brachte, war das Kurs-System. Viele Eltern sind mit dem Gedanken an A1, A2 und B-Kurs fast verzweifelt, man hatte Angst, dass ein Betrieb bei der späteren Bewerbung der eigenen Kinder um einen Ausbildungsplatz nicht weiß, dass ein „gut“ im A1-Kurs genauso gut ist wie ein „sehr gut“ im A2-Kurs. Damals gab es noch eine Zeile auf dem Zeugnis, die das genau so erklärt hat.

 Unsere Zeugnisse sahen auch anders aus als heute. Keine verbalen Beurteilung, nein, aber wir hatten noch eine Note für Betragen. Die stand ganz oben und wer in Mitarbeit, Betragen und Religion eine eins hatte, da konnte man sicher sein, das war ein Streber.

 Auch der Unterricht war von anderen Strukturen geprägt. Es herrschte mehr Ruhe in den Klassen, die Lehrer waren von den Schülern deutlich zu unterscheiden und meistens war Frontalunterricht angesagt. Es gab ein paar junge Lehrer, die mit Gruppenarbeiten experimentierten. Jedoch war dies eine Seltenheit. Strafarbeiten hingegen waren an der Tagesordnung. Ich kann nicht zählen, wie oft ich die Hausordnung (Ja sie war lang. Ich glaube mich an sechs Seiten Schreibmaschine zu erinnern) abgeschrieben habe. Es ging sogar so weit, das eine fertige immer in meiner Schreibtischschublade lag, man wusste ja nie, was man an dem Tag noch vor hatte.

Auch unsere Wandertage waren damals noch zum wandern da. Erst ab der neunten Klasse war dann mal ein Besuch des Senkenberg Museums oder des Eisstadions drin.

 Die Zeiten haben sich geändert und heute bin ich froh, kein Schüler mehr zu sein. Zu unserer Zeit sahen Lehrer, Eltern und Schüler das Lernen Gott sei Dank noch etwas lockerer, obwohl wir zu den „geburtenstarken Jahrgängen“ gehörten und dadurch eigentlich Druck hätten haben müssen, was unsere Leistung anging. Im Gegensatz zu heute haben aus meiner Klasse nur zwei den Weg zum Gymnasium gewagt und ihr Abitur gemacht.

 Nun ja, die Zeiten ändern sich, vieles bleibt erhalten, aber genauso vieles gerät in Vergessenheit.

Ob es früher besser war ? Ich weiß es nicht. Schön war es auf jeden Fall.